Eintrag-Details: Klavier und Schreibmaschine lernen

06.02.2006

Klavier und Schreibmaschine lernen

Wie der Titel schon andeutet, geht es diesmal um das Erlernen von Fingerfertigkeiten. Das Klavierspiel ist dabei der bekannteste Vertreter dieser Lernform. Aber auch beim Lernen von anderen mechanische Fertigkeiten, beispielsweise Maschineschreiben, Stricken oder Skifahren werden ähnliche Lernmechanismen verwendet.

[Mehr:]

Beim Erlernen von mechanischen Fertigkeiten geht es meist auf die gleiche Weise vor sich: Der Handgriff wird zunächst langsam durchgeführt, mit steigender Übung dann immer schneller, bis es schließlich "in Fleisch und Blut" übergegangen ist.

Wer schon einmal das 10-Finger System für die Schreibmaschine erlernt hat, kennt diesen Effekt: Zunächst ist es sehr schwierig, die Finger den richtigen Tasten zuzuordnen. Daher werden in der klassischen Technik zunächst alle Finger in der so genannten Grundstellung geübt. Jeder Finger bekommt einen Buchstaben, solange bis der Lernende den Buchstaben sehr sicher dem passenden Finger zuordnen kann.

Wichtig ist hier, zunächst die Sicherheit auf dieser einfachen Stufe zu festigen, um später nicht durch Rückschläge frustriert zu werden. Das macht das Lernen in der Regel so langweilig, weil in dieser Phase noch keine sinnvollen Sätze geschrieben werden können.

Inzwischen macht eine neue Methode die Runde, die angeblich mit 5 Stunden das gleiche Lernergebnis erreichen soll, für das man üblicherweise 40 Stunden braucht. Ich selbst kenne diese Methode nicht. Sie soll mit Bildern und Farben arbeiten, was normalerweise beim Erlernen von Fakten sicher hilfreich ist. Ich bin jedoch skeptisch, ob das auch beim Lernen von motorischen Fertigkeiten wie dem 10-Finger Tippen funktioniert. Wenn Sie bereits Erfahrung mit dieser Methode gemacht haben, senden Sie mir doch bitte eine E-Mail an info@lernpilot.de. Ich werde dann gern hier im Weblog darüber berichten.

Beim Klavierspielen sind die Bedingungen ganz ähnlich. Hier kommt noch erschwerend hinzu, dass die Hände auch noch ständig die Position ändern müssen, während man beim Maschineschreiben immer wieder mit den Händen in die Grundstellung zurück wechselt. Außerdem müssen beim Klavierspiel meist mehrere Tasten (Akkorde) gleichzeitig gedrückt werden, was die Sache nicht unbedingt leichter macht.

Wenn man sich mal unter den diversen Klavierschulen umsieht, findet man gewisse Gemeinsamkeiten, die immer wieder als wichtig erachtet werden:

  1. Langsam beginnen
  2. Sicherheit erlangen
  3. Langsam das Tempo steigern

Diese Punkte können eigentlich auf alle mechanischen Fertigkeiten angewandt werden, ganz gleich ob Sie Stricken, Tanzen oder Töpfern lernen wollen.

Ein kleiner Hinweis am Rande: Wenn hier von "mechanischen Fertigkeiten" beim Klavierspielen die Rede ist, dann ist natürlich nur der mechanische Teil der Fingerübungen gemeint. Zum Klavierspielen gehört natürlich auch ein musikalisches Verständnis, dass sich nicht mechanisch trainieren lässt. Ich hoffe daher, dass ich hier keine Musiker beleidige, wenn ich in diesem Artikel nur auf den Aspekt der reinen Fingerübungen eingehe.

Langsam beginnen

Es gibt Trainer die sagen: "Je schneller du spielen willst, desto langsamer solltest du lernen". Wer also eine schwierige Passage am Klavier lernen möchte, sollte diese so langsam wie möglich spielen. So prägt sich der Ablauf der Fingerbewegung besser im Gedächtnis ein.

Ganz wichtig ist auch, dass eine sofortige Rückmeldung erfolgt, ob der richtige Ton getroffen wurde. Das ist heute mit etwas Technik durchaus realisierbar. Für das Klavierspiel gibt es inzwischen Software, die das gespielte Stück während des Spiels analysiert und jeden Fehler sofort anzeigt. So kann man Schritt für Schritt seine Fertigkeit verbessern und wird sofort auf Problemstellen hingewiesen. Außerdem erkennt man sofort, wenn man etwas richtig gemacht hat. Auch das Maschineschreiben kann heute sehr komfortabel per Software gelernt werden. Auch hier wird ein falscher Tastendruck sofort angezeigt, so dass man gleich korrigieren kann.

Gerade zum Erlernen von solchen mechanischen Fertigkeiten, bietet die moderne Computertechnik sehr viele Möglichkeiten. Am Ende dieses Beitrags finden Sie noch Links zu solchen Computerprogrammen.

Auch hier wieder ein Hinweis: Gerade Klavierspielen sollten Sie niemals allein lernen. Gerade in der Anfangsphase muss unbedingt ein erfahrener Lehrer dabei sein, um Fehlhaltungen zu vermeiden und um sich die richtige Spieltechnik anzugewöhnen. Der Computer kann jedoch später helfen, die immer wieder notwendigen Übungen (eben den rein mechanischen Teil) auszuführen, ohne dass dabei jedes Mal ein Lehrer anwesend sein muss.

Im Gegensatz zum Klavierspielen, lässt sich das Maschineschreiben dagegen sehr gut mit Computersoftware erlernen. Allerdings sollte auch hier jemand zumindest am Anfang die Haltung kontrollieren, um Fehlhaltungen und Verspannungen zu vermeiden.

Sicherheit erlangen

Wie Sie vielleicht schon gemerkt haben, ist es notwendig, das bewusste Denken auszuschalten, um eine Fingerfertigkeit zu erlernen. Wenn Sie beim Maschineschreiben immer krampfhaft denken müssen "Buchstabe a: rechter Zeigefinger, Buchstabe s: rechter Mittelfinger" usw., dann werden Sie niemals über eine gewisse Geschwindigkeit hinaus kommen. Sie müssen also eine gewisse Sicherheit erreichen, um das Tempo steigern zu können.

So etwas ist nur dann wirklich möglich, wenn das bewusste Denken nicht mehr dazwischenfunkt. Jedes mal wenn Sie darüber nachdenken müssen, wird unnötig Zeit verloren. Stellen Sie sich einmal die Frage: Wie oft müssen Sie über Ihre Bewegung beim Laufen nachdenken? Wie oft, beim Anziehen Ihres Mantels oder Ihrer Schuhe? Im Idealfall gar nicht. Sie merken erst dann, wie kompliziert diese Dinge sind, wenn Sie diese Fertigkeiten aufgrund einer Krankheit (z.B. Schlaganfall) verloren haben und erneut lernen müssen.

Erst wenn die Bewegung sozusagen in Fleisch und Blut übergegangen ist, wird der Vorgang praktisch automatisch ablaufen. Dazu werden im Gehirn besondere Nervenbahnen gebildet, die eine automatische Abkürzung bilden. Statt über den richten Finger nachzudenken, wird automatisch der rechte Zeigefinger aktiv, wenn Sie den Buchstaben "a" tippen wollen. Das Gleiche passiert mit allen anderen Buchstaben, die Sie im Lauf der Zeit lernen.

Beim Klavierspielen ist das ähnlich. Wenn Sie Noten vom Blatt spielen, wird sich irgendwann eine Nervenbahn für die Note "C" gebildet haben. Sobald Sie die Note auf dem Blatt sehen, betätigen Sie die richtige Taste. Das gleiche Passiert mit den Akkorden. Sie sehen den C-Dur oder E-Moll Akkord, und sofort greift die Hand die richtigen Tasten.

Erst wenn dieser Zustand erreicht ist, macht es Sinn, das Tempo zu steigern.

Auch hier ein Hinweis: Die Anzahl der Nervenzellen im menschlichen Gehirn bleibt das Leben lang immer gleich groß. Sie können nicht vermehrt werden, höchstens durch Krankheit oder Drogenkonsum absterben. Die Anzahl der Nervenbahnen (also der Verbindungen) zwischen den Nervenzellen ist jedoch flexibel. Je mehr der Mensch lernt, desto mehr Nervenbahnen werden gebildet. Hört der Mensch auf zu lernen, werden einige dieser Nervenbahnen wieder abgebaut.

Tempo steigern

Wenn das Gehirn die notwendigen Nervenbahnen für die Fertigkeit gebildet hat, gilt es nun, die Schnelligkeit zu erhöhen. Meist passiert das ganz automatisch, wenn man etwas bereits gut beherrscht.

Links

Hier einige Links zu interessanten Seiten, die sich speziell mit dem Klavierspiel befassen:

Klavier spielen - Grundlagen, Übungen, Praxistipps - von Chuan C. Chang (2. Ausgabe) Übersetzung: Edgar Lins:

http://foppde.uteedgar-lins.de/index.html

Diese Seite ist die deutsche Übersetzung von "Fundamentals of Piano Practice", eine sehr beliebte Piano-Schule, die kostenfrei im Internet verfügbar ist. Leider besteht dieses Angebot nur aus Text, es werden also weder Videos noch Tondokumente verwendet. Trotzdem scheinen diese Seiten sehr beliebt zu sein. Obwohl ich die hier beschriebene Technik (noch) nicht selbst ausprobiert habe, stoße ich immer wieder auf Hinweise im Internet, die dieses Verfahren empfehlen. Wenn Sie eigene Erfahrungen damit haben, schreiben Sie mir doch bitte unter info@lernpilot.de und berichten Sie mir davon.

Zum Erlernen von Klavier und Keyboard ist die Software von eMedia gut geeignet:

http://www.klemm-music.de/emedia/pianokeyboard.htm

Beim Online-Musikshop von Thomann bekommt man die Software nach meiner Erfahrung am günstigsten:

http://www.thomann.de

Und wenn wir schon beim Thema Lernsoftware sind, hier noch eine, meiner Meinung nach recht gute Software zum Lernen den 10-Finger Systems beim Maschineschreiben:

http://freudenreich.de/screenshots1.htm

Der Kurs bietet eine kostenlose Demo-Version zum Download, so dass man die ersten Lektionen ohne Risiko testen kann.

Und weil es so gut zum Thema "Musik Lernen" passt, hier noch eine hilfreiche Seite zur Harmonielehre:

http://www.musicians-place.de/

Der Betreiber der Seiten, Thomas Sedlmeier, beschreibt anschaulich und leicht verständlich die Grundlagen der Musiklehre. Wer also nicht gerade Klavierspielen lernen will, sondern erst mal mit den Noten und etwas Harmonielehre anfangen will, ist hier genau richtig.

Eine ganz ähnlich gut gemachte Seite findet man hier:

http://www.matthies-koehn.de/harmonielehre/

Der Autor, Christian Köhn, bietet hier eine Harmonielehre, die mit Tonbeispielen als Midi-Dateien unterlegt ist. Man braucht also selbst kein Instrument, um die vorgestellten Beispiele zu hören.

Wer noch mehr Links zum Musiklernen im Internet haben möchte, kann sich hier mal umschauen:

http://www.musikpaedagogik-online.de

Permalink 06.02.2006 12:34:07, von Marian Email , 1438 Wörter, 23314 mal angeschaut   German (DE) Kategorien: Lernen

Kommentare, Pingbacks:

Kommentar von: Edgar Lins [Besucher] · http://www.schulseiten.de/fopp-de/index.html
Hallo,

bitte korrigieren Sie auf Ihrer Seite
http://www.lernpilot.de/blog/index.php/2006/02/06/klavier_und_schreibmaschine_lernen
den Link zu meiner o.a. Seite. www.spicken.de ist der alte, physikalisch noch erreichbare Name des Servers von planet-school.de. Die offizielle URL der Seite ist http://www.schulseiten.de/fopp-de/index.html

Vielen Dank und freundliche Grüße
Edgar Lins
Permalink 23.02.2006 @ 12:23
Kommentar von: Marian [Mitglied] · http://www.heddesheimer.de
Hallo Herr Lins,

danke für den Hinweis. Den Link habe ich korrigiert.

Herzlichen Gruß
Marian Heddesheimer
Permalink 23.02.2006 @ 12:37
Kommentar von: Wassmann, Ronald [Besucher]
Hallo,

habe soeben die 3.Stunde eines 4-stündigen
Kurses für Schreibmaschine absolviert und muß sagen, daß man wirklich schnell alle Tasten zu beherrschen lernt. Noch bin ich mit 3 Fingern schneller aber es wird täglich besser.

Gruß
R.Wassmann
Permalink 10.05.2006 @ 10:41
Kommentar von: Jan [Besucher]
Hallo,
ich finde Ihre Seite hervorragend. Besonders die Links zu wirklich guter Einführungsliteratur. Habe vor 12 Jahren mal Klavier gespielt, aber mittlerweile fang ich mehr oder minder wieder von vorne an. Danke für die Interessanten Links zu Büchern und Grundinformationen. ;-)

beste Grüsse aus dem Harz.
Permalink 14.05.2006 @ 23:28
Kommentar von: Edgar Lins [Besucher] · http://www.uteedgar-lins.de
Betr.: FOPPDE und MSJIPDE sind umgezogen

Hallo,

die beiden Musikseiten sind von planet-school (schulseiten.de) zu meiner eigenen Domain umgezogen. Sie finden nun die deutsche Übersetzung von Chuan C. Changs "Fundamentals of Piano Practice" auf http://foppde.uteedgar-lins.de/index.html und die Übersetzung von Marc Sabatellas "A Jazz Improvisation Primer" auf http://msjipde.uteedgar-lins.de/index.html .

Freundliche Grüße
Edgar Lins
Permalink 13.06.2006 @ 12:31
Kommentar von: tanja [Besucher]
hihi alsoich brauche eine seite wo man dei akkorde vom klavier lernt für die schuole könnte mire jemandhelfen? und die hp isch toll
Permalink 05.03.2007 @ 17:06
Kommentar von: ubik [Besucher] · http://www.klavier-blog.de
Sehr interessanter Artikel. Das Langsamspielen ist das wichtigste am Klavier spielen überhaupt.
Permalink 30.01.2010 @ 18:22
Kommentar von: klavierportal [Besucher]
Nervenzellen können sich durchaus neu bilden, habe ich nun gehört. Früher dachte man wenn sie einmal abgestorben sind können keine neuen nachwachsen, aber das ist ein Irrtum. Wo ich das nun her habe weiß ich allerdings nicht mehr, müßte mal danach googeln - wollte es hier nur mal anmerken.

Unabhängig davon: sehr schöner Artikel!
Permalink 18.04.2010 @ 20:06

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