Eintrag-Details: Second Life: Hype oder Business Modell?

27.04.2007

Second Life: Hype oder Business Modell?

Nachdem ich jetzt über zwei Monate in Second Life verbracht habe, möchte ich mal wieder einen Bericht abgeben, ob es sich als Geschäftsmodell eignet oder nur Zeitverschwendung ist.

Zunächst einmal: Ich habe einige sinnvolle Anwendungen für SL gefunden:

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Bildung

Einige Institutionen nutzen SL zum Lernen und Lehren. English Village bietet beispielsweise Sprachkurse an, insbesondere ESL (English as Second Language). Sie nutzen dafür so genannte "Holo-Decks" mit denen man virtuelle Umgebungen wie ein Restaurant, eine Bushaltestelle und andere Plätze generieren kann. Das ist natürlich sehr praktisch für Rollenspiele.

Thomson NETg ist beispielsweise Sponsor für die Academy of Second Learning (ASL) die kostenlose Kurse zu SL-Themen aber auch für Themen des realen Lebens anbieten.

Sogar Deutschland hat inzwischen eine Vertretung einer deutschen Volkshochschule in SL: Die VHS Goslar.

Das "Museum of Spacecraft" auf der Insel "Spaceport Alpha" ist ein gutes Beispiel wie man Lernen zum Anfassen bieten kann. Dort wird die Entwicklung der Raumfahrttechnik anhand von "lebensgroßen" Raketenmodellen gezeigt. Man kann auch erkunden wie ein Raketenmotor funktioniert, und zwar anhand einer 3D-Darstellung. Hoch oben im Orbit findet man sogar ein Modell unseres Planetensystems. Alles ist mit entsprechenden Daten versehen, die man an den einzelnen Orten nachlesen kann.

Ein weiterer lehrreicher Ort ist die Nachbildung des alten Rom auf der Insel "Roma". Man lernt hier wie die alten Römer gelebt haben und was es dort zu essen gab. Einige Lebensmittel können sogar für ein paar Linden-Dollar käuflich erworben werden, inklusive Animation die den Avatar essen lässt.

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Präsentationen

Die Möglichkeiten für Präsentationen sind in SL eher begrenzt. Jedes Bild muss für 10 Linden-Dollar (entspricht ca. 3.7 US-Cent) in die virtuelle Welt hochgeladen werden. Es kann dann aber beliebig oft verwendet und gezeigt werden. Landbesitzer können auch streaming Video nutzen, allerdings ist dann die teure Einrichtung eines Streaming-Servers in der realen Welt des Internet notwendig.

Die meisten Präsentationen und Vorträge werden daher über Text-Chat angeboten, meist begleitet von hochgeladenen Bildern. Also kann man auch in SL PowerPoint Präsentationen sehen, die dann wie eine Diaschau neben dem Textchat erscheinen. Einige Anbieter nutzen auch externe Software wie das bekannte Teamspeak. Jedoch hat nicht jeder SL-Anwender auch ein Headset zur Verfügung. Außerdem überfordert der gleichzeitige Betrieb von SL und Zusatzsoftware noch viele Computer, wenn sie nicht mit genügend Rechenleistung und Arbeitsspeicher ausgestattet sind.

Marketing

Einige Unternehmen nutzen SL für ihr Marketing. Coca Cola hat inzwischen eine Insel hier, genauso wie Nissan, Mercedes und BMW. Gerade Autohersteller sind sehr an SL interessiert. Schließlich lieben es die Avatare neue Autos zu fahren, selbst wenn diese nur als virtuelle Kopie verfügbar sind.

Hersteller von Sportschuhen nutzen SL um neue Modelle an den Avatar zu bringen. Wenn ein virtuelles Modell gefällt, kann man es vielleicht auch im realen Leben gut verkaufen. Sogar die Deutsche Post soll ab Mai 2007 eine eigene Insel in SL betreiben.

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Diskussionen

SL ist auch ein guter Ort um zu diskutieren. Jeder kann sich einen öffentlichen Platz aussuchen und eine entsprechende Veranstaltung im Kalender eintragen. Diskussionen werden per Textchat durchgeführt. Dabei kann der Text entweder im öffentlichen Chat erscheinen, man kann aber auch mit einzelnen Personen privat über "Instant Message" sprechen.

Genauso einfach ist es, sein Wissen mit anderen zu teilen. Jeder kann leicht "Notecards", "Landmarks" oder sogar Objekte an einen anderen Avatar weitergeben. Man ist also nicht allein auf Text geschränkt, sondern kann auch empfehlenswerte Orte mit den Leuten teilen.

Wie findet man Veranstaltungen?

Second Life hat einen Veranstaltungskalender für öffentliche Events. Man kann diese leicht finden, wenn man im SL-Client auf "Suchen" oder "Search" in der Buttonleiste am unteren Bildschirmrand klickt. Im übrigens sollte man in SL stets mit der englischen Benutzerführung arbeiten, da die deutsche Übersetzung mehr verwirrt als das sie hilft. Man sucht nun in der Registerkarte "Events". Ich nutze häufig die Rubrik "Education" um Kurse in SL zu finden. Es gibt auch die Möglichkeit, einen Begriff direkt zu suchen. Leider funktioniert die Suche nicht wirklich gut, da nur immer der exakte Anfang einer Beschreibung gefunden wird.

Gibt es beispielsweise einen Kurs "^ASL^ Scripting 101" kann man ihn über den Suchbegriff "Scripting" leider nicht finden. Man muss schon "^ASL^" eingeben um diesen Titel zu finden. Ich habe das schon vor Wochen als Bug gemeldet, aber scheinbar wurde er noch nicht behoben.

Wer nach deutschsprachigen Kursen sucht wird übrigens meist enttäuscht. Es gibt allerdings schon einige wenige Kurse, die dann meist mit "Deutscher" beginnen, also zum Beispiel "Deutscher VHS-Kurs: Skripting".

Die Events können auch auf der website http://www.secondlife.com/events/ gefunden werden. Die Suche funktioniert hier etwas besser über "advanced search", dennoch lassen sich viele Kurse nicht gut finden. Das Beste ist wirklich, sich die Events unter "Education" vollständig anzeigen zu lassen und ggf. mit dem Browser innerhalb der Seite zu suchen.

Die Website zeigt dann nicht nur die Beschreibung des Events mit der geplanten Uhrzeit und Länge (immer darauf achten, dass Uhrzeiten in Pacific Time angegeben sind) sondern liefern auch eine SLURL zum jeweiligen Ort. Diese SLURL zeigt die Koordinaten innerhalb von SL und man kann auf den entsprechenden Link klicken, um den SL-Client direkt zu starten und sich den Ort auf der Landkarte zeigen zu lassen.

Ein Klick auf "Teleport" in der Landkarte bringt den Avatar dann direkt dorthin. Wer den Event direkt in der SL-Suchfunktion aufruft, bekommt diesen "Teleport" Button direkt angeboten. Das ist dann noch etwas schneller und komfortabler als der Umweg über die Landkarte.

Wie man Events einträgt

Wer daran interessiert ist ein Event in SL durchzuführen, sei es eine Diskussion, einen Kurs oder eine große Party, der wählt auf der SL-Eventseite den Link "Add Event". Um Spam zu vermeiden, sind nicht mehr als 5 Einträge pro Tag erlaubt. Das sollte aber in der Regel kein Problem darstellen.

Man kann nun zwischen all den öffentlichen Plätzen wählen. Wer Mitglied in einer entsprechenden Gruppe ist, kann auch deren Orte als Veranstaltungsort nutzen. Ich bin beispielsweise ein Mitglied der "ASL Faculty" und kann daher meine Kurse auch auf dem Campus von ASL anbieten. Das ist deshalb so wichtig, weil der Teleport-Button in der Ankündigung direkt auf den Veranstaltungsort führt.

Wer Freunde hat, die eigenes Land besitzen, kann auch dieses als Veranstaltungsort auswählen. Allerdings sollte man den Freund vorher fragen ;)

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Nutzung für das Business

Ich glaube, die interessanteste Frage ist wohl für viele: Wie kann ich Second Life für mein Geschäft einsetzen? Ich denke, es gibt hier verschiedene Alternativen:

  1. Als soziale Plattform für das Unternehmen.
    Das ist wohl die einfachste Art SL für das Unternehmen zu nutzen. Man kann Gruppen-Meetings mit visuellen Darstellungen und etwas Interaktion im virtuellen Raum durchführen. Damit gibt man den Leuten die Illusion eines realen Meetings, ohne dass sie ihren Arbeitsplatz verlassen müssen. Das ist immer dann hilfreich wenn Leute über die ganze Welt verteilt sind und es ist in der Regel deutlich billiger als eine "richtige" Videokonferenz.
  2. Als Schulungsmedium für das Unternehmen.
    Statt Zeit und Geld für lange Anfahrten und Hotelzimmer zu verschwenden, kann man die Leute in einen virtuellen Klassenraum einladen. Auch hier lassen sich Schulungen mit PowerPoint Flair durchführen. Man hat sogar die Vorteile des üblichen Smalltalks in der Kaffeepause, wenn man entsprechende Pausen mit einplant.
    Natürlich gibt es hier Einschränkungen, beispielsweise bei EDV-Schulungen, bei denen sonst der Trainer den Teilnehmern über die Schulter schauen muss, um Probleme zu erkennen. Hier ist man nun vollständig auf die Kommunikation mit den Teilnehmern angewiesen, die dann beispielsweise eine Fehlermeldung selbst beschreiben müssen.
  3. Als Marketingtool für das Unternehmen.
    Man kann anderen Leuten einfach zeigen, dass man in SL bereits vertreten ist. Wer etwas zu zeigen oder zu verkaufen hat, kann eine virtuelle Präsentation seiner Produkte herstellen und diese dann als kostenlose Probe an die SL-Bewohner verteilen. Man hat hier nicht die hohen Produktionskosten um Schuhe, Häuser oder Autos herzustellen. Daher ist es eine preiswerte Möglichkeit, die eigenen Produkte kostenlos zu verteilen und bekannt zu machen.

Wie fängt man an?

Also wie startet man sein Business in Second Life? Braucht man wirklich eine eigene Insel?

Nein, es ist nicht notwendig so viel Geld für eigenes Land zu investieren, wenn man lediglich etwas ausprobieren möchte. Jeder kann leicht etwas Platz für eine öffentliche Präsentation oder einen Shop mieten. Man braucht nicht mal Angestellte im eigenen Laden. In SL findet man viele Shops die völlig verlassen sind und die trotzdem Waren verkaufen.

Das alles funktioniert, weil viele Dinge über automatische Verkäufer abgewickelt werden. Man kann einfach seine Sachen in seinem Shop platzieren oder in eine Schachtel packen. SL hat ein spezielles System mit dem man diese Dinge zum Verkauf markieren kann. Es muss lediglich ein Preis festgelegt werden, dann kann jeder die Ware durch Zahlung des festgelegten Betrags in Linden-Dollar erwerben. Da alles leicht zu kopieren ist, werden die Waren im Shop niemals weniger. Natürlich kann man das Kopieren, Verändern oder Weiterverkaufen der Ware für den neuen Eigentümer einschränken.

Wer statt Waren jedoch persönlichen Service als Geschäftsmodell anbietet, der möchte vielleicht einen Ansprechpartner in seinem Shop haben, der jedem Besucher seine Hilfe anbietet. Auch das ist leicht zu realisieren, denn gerade die SL-Neueinsteiger sind ständig auf der Suche nach Jobs mit denen Sie Linden-Dollar verdienen können. Man kann also jemanden relativ günstig einstellen um im Shop Präsenz zu zeigen. Vor Ladendieben muss man übrigens keine Angst haben, denn die Objekte können normalerweise nicht gestohlen werden.

All das macht es ziemlich einfach, einen automatisierten "Point of Sale" oder einen Verkaufsraum mit persönlicher Note in Second Life einzurichten. Der Shop ist normalerweise 24 Stunden täglich an jedem Tag verfügbar und wird in der Regel auch in dieser Zeit besucht, da die SL-Bewohner ja in unterschiedlichen Zeitzonen leben.

Ist SL das neue Web?

Wenn man einmal Second Life mit den Anfängen des World Wide Web vergleicht, findet man einige Dinge die ganz ähnlich sind:

  1. Kommt man in SL an irgendeinem Ort neu an, dauert es einige Zeit bis alle Dinge am Bildschirm erscheinen (SL Sprache: bis alles gerezzt ist).
    Das ist sehr ähnlich den Internetangeboten der ersten Tage, wo man einige Minuten warten musste, bis die Bilder im Browser alle vollständig geladen waren.
  2. Man kann seine Präsenz in SL durch den Kauf oder die Miete von Land, bzw. durch mieten eines Shops aufbauen.
    Auch dies erinnert sehr stark an Web-Hosting der ersten Tage, wo man eine Web-Visitenkarte mit 3-5 Seiten für viel Geld mieten konnte. Auch heute ist das so, nur sind die Preise sehr viel niedriger. Auch für das Web kann man eigene Server mieten, ganz ähnlich wie der Kauf einer Insel in SL.
  3. Content ist wichtig.
    Hat man erst einmal seinen Platz in SL, weiß noch niemand davon. Man kann die Leute entsprechend aufmerksam machen indem man einen coolen Nachtclub eröffnet oder etwas kostenlos anbietet. Viele bezahlen sogar Avatare dafür, dass sie sich in der Gegend aufhalten, das nennt man dann "Camping" in SL. Ganz ähnlich funktioniert es ja auch im Web, wo man Besucher mit kostenlosen Downloads anlockt oder sogar für Werbebanner (z.B. über Google Adverts) bezahlt.

Mit all diesen Gemeinsamkeiten, könnte SL tatsächlich einen ähnlichen Hype auslösen wie das WWW damals. Ebenso wie im Web ist es wichtig sinnvolle und originelle Inhalte anzubieten. Auch sollte man möglichst der/die Erste sein, um neue Ideen hier zu realisieren. Da offenbar die Anziehungskraft von Second Life bei den Anwendern immer größer zu werden scheint, sollte man zumindest ein Auge darauf haben, ob SL nicht eine Option für das eigene Business sein könnte.

Permalink 27.04.2007 10:46:08, von Marian Email , 1974 Wörter, 3956 mal angeschaut   German (DE) Kategorien: Artikel

Kommentare, Pingbacks:

Kommentar von: erik [Besucher] · http://ma-projekt6.hdm-stuttgart.de/ss07/stud/10/
Hallo,

wir haben in unserer Vorlesung (in der wir auch gerade Lern-Blogs schreiben: http://ma-projekt6.hdm-stuttgart.de/ss07/stud/10/) letztens über SL diskutiert. Die Meinungen gingen dabei sehr weit auseinander.

Ich denke die drei Punkt die du aufführst reichen nicht um SL mit dem Web zu vergleichen. Das spielen noch sehr viele ander Dinge mit rein. Z.B.: Das Web war sehr frei, in SL gibt es einen Anbieter. Technische Anforderungen. Nutzen der graphischen Erscheinung. usw.

Permalink 04.05.2007 @ 12:45
Kommentar von: Marian [Mitglied] · http://www.heddesheimer.de
Hallo Erik,

danke für den Kommentar. Prinzipiell hast du schon Recht, das Web war insofern offener da es ziemlich schnell viele Hosting Anbieter gab. Linden Lab ist jedoch auch nichts anderes als ein Anbieter, der die Infrastruktur anbietet. Die Inhalte kommen dann von den eingemieteten Benutzern. Und auch das Internet war damals an einen Anbieter gebunden. Ich kann mich noch an alte Zeiten mit Datex-P und Bundespost erinnern :)

Und der Vorläufer des Web (genannt BTX) war ehemals ausschließlich an die Bundespost gebunden, mit deutlich mehr Regularien und Einschränkungen.

Das Gleiche gilt für die technischen Anforderungen. Sicher sind die für SL wesentlich höher, insbesondere was die Anforderung an Grafikkarte und Rechenleistung betrifft. Wenn ich aber an die alten Zeiten mit Akustikkoppler und Modem zurückdenke, war das in den Anfangszeiten des Internet nicht viel anders.

Gruß
Marian
Permalink 04.05.2007 @ 12:53
Kommentar von: Spaxgriffe [Besucher]
Du hast recht Marian.

Bis die tage dann, Peter :-)
Permalink 28.05.2007 @ 00:24
Kommentar von: Mike [Besucher]
Ich bin absolut kein Freund von Second Life, habe auch schon öfter gelesen, das dieser Trend inzwischen nachlässt. Ich selbst nutze es nicht, habe es auch nicht vor.
Permalink 22.01.2008 @ 23:54

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